Es gehört einfach mehr geschmust!

In Teamsituationen kann man nicht alleine gewinnen. Das gilt für alle zwischenmenschlichen Beziehungen, die wir täglich erleben: Am Arbeitsplatz, im Bekanntenkreis, in der Familie oder der Öffentlichkeit. Dabei sind wir schon gefordert, ein Auskommen mit jenen zu finden, die uns sympathisch sind. Wie sollen wir erst mit Mitmenschen umgehen, mit denen wir uneins sind? Gibt es einen „Trick“? Spoiler: Ja, den gibt es.

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Schlechte Stimmung und Konflikte am Arbeitsplatz können Unternehmen hart treffen. Das wissen meine Kunden und holen mich daher oft, wenn es Spannungen in ihren Teams gibt. Mit amüsanten Teambuilding-Maßnahmen ist das Problem aber nicht zu lösen, es geht tiefer. Was zu tun ist, wenn es in einer Firma am Wir-Gefühl fehlt, findest du im letzten Blogbeitrag „Im Team läuft’s nicht“.

Hier geht es darum, wie der Umgang mit Kollegen oder Mitarbeitern trotz bestehender Interessenskonflikte leichter gelingen kann. Kurz: Es geht um Kooperation.

Herausforderung Inhomogenität

Das Thema ist praktisch überall dort wichtig, wo Menschen mit unterschiedlichen Ansprüchen und Interessen aufeinandertreffen. In Firmenabteilungen oder Teams ist das regelmäßig der Fall. Jeder bringt ja individuelle Charakterzüge, Vorlieben, Talente und Laster mit. Dazu kommen noch die eigene Geschichte, Kultur und Werte der Einzelnen.

So eine Situation birgt enorme Herausforderungen. Es lohnt sich aber, sich ihnen zu stellen. Inhomogenität schafft super Teams, weil dadurch verschiedene Kompetenzen zur Verfügung stehen und Sichtweisen abgedeckt werden, die sonst ungesehen blieben. Ich rate daher allen meinen Kunden dazu, ihre Teams so inhomogen und facettenreich wie möglich zu besetzen. 

Aber was passiert, wenn die verschiedenen Interessen und Bedürfnisse der Teammitglieder so aufeinanderprallen, dass es dadurch zu erheblichen Differenzen kommt? Wessen Interesse geht dann vor? Wie kann das langfristig gelöst werden?

Vorsicht vor (faulen) Kompromissen

Die Frage sollte anders lauten: Was ist überhaupt das Ziel in solchen Situationen? Als Antwort höre ich meistens: „Zu einer Einigung kommen“. Gemeint ist: einen Kompromiss aushandeln. Mich wundert das nicht. Unsere gesamte Gesellschaft ist so konstruiert, dass alle ständig irgendwelche Kompromisse eingehen sollen. Aber ich warne davor!

Wo Kooperation gefragt ist, sind Kompromisse nicht ratsam. Der Erfolg eines Teams hängt jedenfalls nicht von der Kompromissbereitschaft seiner Mitglieder ab. Er hängt von Menschen in Beziehung ab. Ein Kompromiss hat mit Beziehung nichts zu tun. Er verbindet nicht, sondern macht einsam, weil sich beide Seiten ein bisschen wie das „Opfer“ des jeweils anderen fühlen.

Keine Kooperation ohne Konflikt

Was mir außerdem auffällt: Die meisten Menschen wünschen sich ein möglichst konfliktfreies Miteinander. Sind wir wirklich so naiv zu glauben, dass es das geben könnte? Genaugenommen sind wir ja schon in einem potenziellen Konflikt, sobald außer uns noch eine Person da ist. Es sollte also nie um ihre Vermeidung, sondern nur darum gehen, wie wir sie am besten austragen können.

Daran scheitern die Leute reihenweise. Was nicht daran liegt, dass sie nicht kompromissbereit wären; nein, es liegt daran, dass sie nicht konfliktbereit sind. Kooperation und Konfliktkommunikation waren immer schon gefragte Themen. Sie sind noch wichtiger geworden, seit mehr schriftlich kommuniziert und unsere Aufmerksamkeit permanent zerstreut wird. Ich behaupte, seit wir verlernt haben uns einzufühlen: in unsere Mitmenschen und vor allen Dingen in uns selbst.

Falsch verstandene Nächstenliebe

Schon in der Bibel hieß es: „Liebe deinen Nächsten wie dich selbst.“ Das Konzept der Nächstenliebe wird seither so gehypt, dass wir anscheinend vergessen haben, was es bedeutet: Dass wir uns selbst zuerst lieben. Dass wir uns an die erste Stelle stellen. Ich rede nicht vom Platz in einer Warteschlange, ich rede von unseren Gefühlen und tiefsten Bedürfnissen.

Allgemein wird es nicht gern gesehen, wenn jemand auf sich anstatt auf die anderen schaut. Das beruht auf dem Irrglauben, dass wir sonst alle zu Egoisten würden. Das Gegenteil wäre der Fall, wie man bei Kindern beobachten kann. Der Wille zur Kooperation und die Fähigkeit zur Empathie sind angeboren. Kinder kommen erfahrungsgemäß bestens miteinander zurecht – solange sich die Erwachsenen nicht einmischen.

Weil viele Erwachsenen leider fest daran glauben, dass sie ihre eigenen Bedürfnisse aufgeben oder hintanstellen müssten, damit Kooperation gelingen kann. Sitzt dieser unsinnige Glaubenssatz erst einmal, hat man es später im Leben schwer, für seine Bedürfnisse einzustehen. Ganz zu schweigen davon, auf die der anderen einzugehen.

Schau auf dich, dann funktioniert’s auch im Team

Du solltest nicht nur, du musst sogar auf dich schauen, wenn dir andere wichtig sind. Ein gesundes Team braucht gesunde Mitglieder. Das sind solche, die ihre Bedürfnisse wahrnehmen können – mental sowie praktisch. 

Ein paar Beispiele gefällig?

  • Du musst auf dich schauen als Familienmitglied, sonst wird es deinen Kindern langfristig nicht gutgehen;
  • Du musst auf dich schauen in der Beziehung, sonst wird es deinem Partner / deiner Partnerin nicht gutgehen;
  • Du musst auf dich schauen als Max Mustermensch, sonst wird es deinen Arbeitskollegen oder Mitarbeitern nicht gut gehen.

Wer schon einmal im Flugzeug geflogen ist, kennt das: Die Flugbegleiter fordern jedes Mal dazu auf, die Sauerstoffmaske unter allen Umständen selber zuerst aufzusetzen. Warum muss das denn immer dazugesagt werden? Weil wir drauf konditioniert wurden, andere uns selbst vorzuziehen! Und das ist schädlich. Nicht nur bei einem Druckabfall im Flugzeug. Es ist schädlich für die Kooperation.

Modus Co-Operandi

Wenn Chef oder Chefin also sagen, „mach das doch bitte, damit wir ... (eine Lösung, einen Kompromiss etc.) für das Team bekommen“, dann ist meine Antwort klar: Achtung, nein! Das ist der falsche Ansatz. „Mach das, damit du ... (das bekommst, was du brauchst).“ Wenn das passiert, wirst du viel eher bereit sein darauf zu achten, dass auch der andere bekommt, was er braucht. Du gehst wie von selbst in den Kooperationsmodus.

Du brauchst keine (falsche) Rücksicht nehmen. Du brauchst dich nicht verleugnen oder verbiegen für einen Kompromiss. Du brauchst „nur“ empathisch zu sein. Das kannst du, sofern du es mit dir selbst auch bist. Es geht darum, dass du in der Lage bist zu artikulieren, was du brauchst, und wahrzunehmen, was andere brauchen und daraus dann eine Lösung abzuleiten. Da ist jede Menge (Nächsten-)Liebe im Spiel. Und das verstehe ich unter einer intakten Team-Kooperation.

Wer mehr schmust, muss weniger feilschen

Jetzt wird der ein oder andere sagen, in der Praxis sei alles ganz anders. Natürlich ist es da anders, auf alle Fälle komplexer. Eine Lösung ist nämlich nur so gut, so sehr sie die Bedürfnisse aller Beteiligten berücksichtigt. Da kann viel zusammenkommen. Der Trick bzw. Knackpunkt ist die Haltung, die lautet: Ich bin mir wichtiger als du. Ich liebe mich und dann erst dich.

Die Qualität deiner Beziehung zu dir zeigt sich in der Beziehung zu anderen. Also, „umarme“ dich und deine Bedürfnisse, und dann umarme dein Gegenüber. Wenn dir dieser Mindshift gelingt, klappt es auf einmal mit deinen Mitmenschen – ob du mit ihnen harmonierst oder nicht. Du musst nicht buchstäblich mit ihnen schmusen, ja, du musst sie dafür nicht einmal mögen. Aber du kannst auf andere besser eingehen. Nicht obwohl, sondern gerade weil du auf dich selbst eingegangen bist.

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